Neuenglands Süden

Connecticut – Mystic und Neuenglands Süden

Für viele nur die Durchfahrt zwischen New York und Boston — und genau deshalb unterschätzt. Connecticuts Küste am Long Island Sound sammelt Häfen, Werften und Strände, die den Vergleich mit den Nachbarn nicht scheuen müssen.

Das Walfangschiff Charles W. Morgan im Hafen von Mystic Seaport, Connecticut
Die Charles W. Morgan (1841) in Mystic Seaport

Mystic: Seefahrt zum Anfassen

Mystic Seaport ist das größte Seefahrtsmuseum der USA: ein komplett rekonstruiertes Hafendorf des 19. Jahrhunderts mit Werften, Takelagen und der Charles W. Morgan von 1841, dem letzten hölzernen Walfangschiff der Welt. Nebenan hält das Mystic Aquarium Beluga-Wale, und im Ort selbst brutzelt die Pizzeria, die 1988 durch „Mystic Pizza“ mit Julia Roberts ins Kino kam; die Pizza ist in Ordnung, die Postkarte davon besser.

Die Küste am Long Island Sound

Weil Long Island den offenen Atlantik abschirmt, ist das Wasser hier ruhiger und wärmer als weiter nördlich, gut für Familien, gut für Segler. Die Kette der Küstenorte reiht Essex (regelmäßig zum schönsten Kleinstadt-Hauptort der USA gekürt, mit Dampfzug- und Flussboot-Kombination auf dem Connecticut River), Old Saybrook und Madison mit dem Hammonasset Beach, dem längsten Strand des Staates. New London und Groton leben von U-Boot-Werft und Marinestützpunkt; das Submarine Force Museum zeigt mit der USS Nautilus das erste Atom-U-Boot der Welt: Eintritt frei, und man steigt tatsächlich durch die engen Luken des Boots von 1954. Für Familien ist das oft die überraschendste halbe Stunde der ganzen Küstenetappe.

New Haven und das Landesinnere

New Haven ist Yale: Der Campus mit seiner neugotischen Steinlandschaft, die Beinecke- Bibliothek mit einer Gutenberg-Bibel und die Yale University Art Gallery (frei) machen die Stadt zum lohnendsten Kulturstopp im Süden. Dazu kommt eine Pizza-Tradition, die New Haven ernster nimmt als jede andere US-Stadt: die weiße Muschel-Pizza bei Frank Pepe (seit 1925) ist Pflichtprogramm, die Schlange gehört dazu. Im Nordwesten steigen die Litchfield Hills auf: Antiquitätenorte, gedeckte Brücken am Housatonic und im Herbst eine Laubfärbung, die der Vermonts kaum nachsteht, nur zwei Wochen später. Hartford, die Hauptstadt dazwischen, wird meist durchfahren; zu Unrecht mit einer Ausnahme: Das Mark Twain House, in dem der Autor von 1874 bis 1891 lebte und Tom Sawyer wie Huckleberry Finn schrieb, gehört zu den besten Schriftstellerhäusern der USA und liegt keine fünf Minuten von der Interstate.

Timing-Hinweis: Das Flusstal ist eine Nachmittags-Schleife, die sich ideal zwischen Mystic-Vormittag und Weiterfahrt legt: Fähre, Schloss und Essex in vier Stunden.

Das Tal des Connecticut River

Der Fluss, der dem Staat den Namen gibt, mündet bei Old Saybrook so unspektakulär ins Meer, dass man die Besonderheit leicht übersieht: Es ist eine der wenigen großen Flussmündungen der US-Ostküste ohne Industriehafen, deshalb Schilfgürtel, Adler im Winter und die kleinen Fähren, die hier seit dem 18. Jahrhundert übersetzen. Die Chester–Hadlyme-Fähre (seit 1769) bringt Auto und Reisende in fünf Minuten unter dem Gillette Castle über den Fluss: ein Umweg, der sich allein für diese Viertelstunde lohnt. Flussaufwärts reihen sich Essex, Chester und East Haddam mit dem viktorianischen Goodspeed-Opernhaus wie eine Kette kleiner Bühnenbilder.

Es ist die Ecke Connecticuts, in der der Durchfahrts-Ruf am deutlichsten kippt: kein einzelnes Highlight, aber ein Nachmittag, der sich anfühlt wie ein Kapitel aus einem anderen Jahrhundert.

Praktisch

FrageAntwort
Beste ReisezeitMai – Oktober; Laubfärbung ca. 15. Okt. – Anfang Nov.
Anreiseab Boston 2 h nach Mystic; ab New York 1,5 h nach New Haven
Zeitbedarf1 – 3 Tage
TippMystic als erste/letzte Etappe bei Anreise über New York

Übernachtungstechnisch ist Mystic der beste Standort des Staates: fußläufige Altstadt, Seaport und Aquarium vor der Tür, und die Fahrtzeiten nach Newport wie New Haven bleiben unter einer Stunde; ideal für zwei Nächte mit Sternfahrten.

Strandtage am Sound

Weil Long Island wie ein Wellenbrecher vor der Küste liegt, ist das Wasser am Sound das wärmste Neuenglands, im August erreicht es 22, 23 Grad, während der offene Atlantik weiter nördlich bei 18 verharrt. Hammonasset Beach State Park bei Madison ist mit drei Kilometern Sand der große Familienstrand des Staates (Parkgebühr fürs Auto, danach alles frei), Ocean Beach in New London die nostalgische Variante mit Promenade und Minigolf. Für Reisende mit Kindern ist das die entspannteste Bademöglichkeit der ganzen Region: flach, bewacht, ohne Brandung. Und wer den Strandtag mit Kultur rahmt, hat Mystic zwanzig Minuten östlich und die Universitätsstadt New Haven vierzig Minuten westlich: kurze Wege, wie überall in diesem Staat.

Kurz gesagt: Connecticut belohnt alle, die von der Interstate abbiegen, und bestraft niemanden, der es nicht tut. Genau diese Unaufgeregtheit macht den Süden Neuenglands aus.

Häufige Fragen zu Connecticut

Lohnt Mystic Seaport auch ohne Kinder?

Unbedingt; die Charles W. Morgan und die Handwerker-Werkstätten sind ernsthafte Seefahrtsgeschichte, kein Freizeitpark. Drei Stunden Minimum einplanen.

Was ist an der New-Haven-Pizza besonders?

Dünner, im Kohleofen dunkel gebackener Rand („Apizza“) und die weiße Muschel-Pizza als Spezialität. Frank Pepe und Sally’s sind die historischen Namen, die Schlange gehört zur Erfahrung.

Ist Connecticut nur Durchfahrtsland?

Auf der Interstate wirkt es so. Wer auf die Küstenstraße und in die Litchfield Hills abbiegt, findet die ruhigste, am wenigsten touristische Ecke Neuenglands.

Passt Connecticut in eine Boston-Rundreise?

Als erster oder letzter Tag bei Anreise über New York: Mystic liegt fast exakt auf halber Strecke zwischen New York und Boston.

Von Mystic sind es 45 Minuten nach Rhode Island, und damit zurück auf die klassische Küstenlinie der Rundreise.