Indian Summer Neuengland – die komplette Route für eine Woche im Herbst
Es gibt Reisen, die man plant, und solche, denen man folgt. Diese hier folgt einer Farbwelle, die jedes Jahr aufs Neue von Nord nach Süd durch die Wälder läuft.
Die Farbwelle zieht durch die Täler
Wann der Indian Summer Neuengland erreicht
Die Laubfärbung ist kein Datum, sondern ein Verlauf, und die Indian Summer Route ist so gebaut, dass sie ihm folgt: Ende September steht der Norden
Vermonts und New Hampshires in Vollfarbe, um den 5. bis 10. Oktober die mittleren
Lagen, um den 15. bis 20. Oktober die Küste und der Süden. Wer den Indian Summer in
Neuengland auf dem Höhepunkt will, legt die Reisewoche auf Anfang Oktober und fährt
die Route so, wie sie hier steht; von Nord nach Süd, mit der Welle statt gegen sie.
Ein zweiter, oft übersehener Faktor: Nach einem trockenen Sommer erreicht der Indian
Summer Neuengland früher und zieht schneller durch, nach einem nassen später und länger. Die Bundesstaaten veröffentlichen
wöchentliche Foliage-Reports; ein Blick hinein in der Woche vor Abflug erspart Enttäuschungen.
Der Farbverlauf von Nord nach Süd, die Grundlage der Wochenroute ·
Grafik in Druckversion
Was ist der Indian Summer eigentlich?
Zwei Dinge treffen in dem Begriff zusammen. Im amerikanischen Englisch bezeichnet
„Indian Summer“ streng genommen eine ungewöhnlich warme, trockene Schönwetterphase im
Spätherbst, nach dem ersten Frost. Im deutschen Sprachgebrauch ist daraus der Name für
das ganze Phänomen geworden: die Laubfärbung des amerikanischen Nordostens, die
nirgendwo so intensiv ausfällt wie in Neuengland. Der Grund ist Botanik, nicht Poesie: Der Zuckerahorn, der hier ganze Wälder dominiert, produziert bei kalten Nächten und
sonnigen Tagen Anthocyane, die das Laub nicht gelb, sondern scharlachrot färben.
Dazu kommen Rot-Ahorn, Birke und Espe in Gold und Orange, während Fichten und Tannen
das Dunkelgrün dazwischen halten. Diese Mischung (nicht ein einzelner Baum) macht
das Farbspektakel aus.
Und weil kalte Nächte in den Bergen früher kommen, beginnt die Färbung oben und
nördlich und wandert dann talwärts und südwärts: die „Welle“, der diese Route folgt.
Wetter und Gepäck für die Herbstwoche
Der Oktober in Neuengland ist launisch im besten Sinn: Tage zwischen 8 und 18 Grad,
Nächte nicht selten um den Gefrierpunkt, dazwischen goldene Nachmittage und plötzliche
Regenfronten. Die richtige Antwort ist der Zwiebel-Ansatz (T-Shirt, Fleece,
Regenjacke) plus feste Schuhe für die Aussichtspunkt-Pfade und eine Mütze für die
Morgenstunden am Kancamagus. Wer fotografieren will, packt Handschuhe ein, aus denen
die Finger herauskommen; die besten Bilder entstehen in der kalten ersten Stunde nach
Sonnenaufgang, wenn der Nebel noch in den Tälern liegt.
Die Route für eine Woche: sieben Tage, drei Staaten
Tag
Etappe
Unterwegs
1
Ankunft Boston → Woodstock (VT), ca. 240 km
Quechee Gorge kurz vor Woodstock
2
Woodstock & Umgebung
Sugarbush Farm, die drei überdachten Brücken, Billings Farm
Sugar Hill & Hancock Overlook, Albany Covered Bridge
7
North Conway → Küste → Boston, ca. 240 km
Portsmouth als Zwischenstopp
Gesamtstrecke: rund 800 Kilometer für eine Woche; bewusst wenig. Die Indian Summer Route
ist keine Transitstrecke, sondern ein Rhythmus. Der Herbst in Neuengland belohnt
Langsamkeit; jeder Tag dieser Route lässt Raum für das, was am Straßenrand auftaucht:
den Farmstand mit Apfel-Cider-Donuts, den Aussichtspunkt, das Dorf, das im Reiseführer
fehlt.
Die Etappen im Detail
Tage 1–2: Woodstock, das Bilderbuch
Woodstock ist der richtige Auftakt, weil es alles auf drei Straßen versammelt: das
Village Green, den General Store, die Middle Covered Bridge mitten im Ort. Die
Sugarbush Farm oberhalb erklärt Ahornsirup und Cheddar; die Billings Farm zeigt, wie
Vermonts Landwirtschaft das Landschaftsbild erhält, dem Sie gerade hinterherreisen.
Tage 3–4: Route 100 und Stowe
Die Route 100 zieht am Ostrand der Green Mountains durch eine Ortskette, die wie
bestellt wirkt: Weston, Ludlow, Warren, Waitsfield. In Stowe lohnt die Mautstraße auf
den Mount Mansfield (Vermonts höchster Punkt, 1.339 m) und die enge Serpentinenfahrt
durch Smugglers' Notch, deren Name aus der Schmuggelzeit des Embargos von 1807 stammt.
Tage 5–6: White Mountains und der Kancamagus
Über Franconia Notch (Flume Gorge einplanen, 90 Minuten) geht es nach North Conway,
der Basis für den Kancamagus Highway: 55 Kilometer Bergstraße ohne Tankstelle und
Werbetafel, im Oktober die meistfotografierte Strecke der USA. Früh fahren, vor neun
Uhr gehört die Straße Ihnen, ab elf der Kolonne.
Tag 7: zurück über die Küste
Der Schlusstag bringt den Kontrast: eine Stunde Küste in Portsmouth, Kaffee in der
georgianischen Altstadt, dann die letzte Etappe nach Boston. Wer den Flug erst am
Folgetag hat, hängt einen Abend in Salem an: im Oktober allerdings ein
Halloween-Volksfest mit entsprechenden Menschenmengen.
Varianten der Herbst-Route
Mit zehn Tagen verlängern Sie ab North Conway nach Norden: Mount-Washington-Auffahrt
oder Cog Railway, dann über Bethel nach Maine hinein. Mit nur fünf Tagen streichen
Sie Stowe und bleiben in der Achse Woodstock–Kancamagus. Und wer die Hauptwelle
verpasst, für den ist die Indian Summer Route nicht verloren: Die Berkshires im Westen
von Massachusetts und Connecticuts Litchfield Hills färben sich ein bis zwei Wochen später; der Herbst in Neuengland gibt fast immer eine
zweite Chance. Unterkünfte für den Oktober bucht man Monate im Voraus; was das für die
Gesamtplanung heißt, steht in der Reiseplanung.
Häufige Fragen zur Indian-Summer-Woche
Wann ist die beste Woche für die Indian Summer Route?
In den meisten Jahren die erste Oktoberwoche. Sie trifft Vermont und die White Mountains nahe am Höhepunkt und hat an der Küste noch Farbe vor sich.
Muss man für den Herbst in Neuengland früh buchen?
Ja, die Foliage-Wochen sind die vollste Zeit des Jahres. Unterkünfte in Stowe, Woodstock und North Conway sind oft ab dem Frühjahr ausgebucht, das Columbus-Day-Wochenende zuerst.
Geht die Route auch in umgekehrter Richtung?
Technisch ja, farblich nein: Von Süd nach Nord fahren Sie der Welle hinterher statt mit ihr. Die Nord-Süd-Richtung ist der ganze Trick: so begleitet man eine Woche lang die Welle, mit der der Indian Summer Neuengland überzieht.
Wie voll ist der Kancamagus Highway im Oktober?
An Wochenenden sehr: Kolonnenverkehr ab Vormittag. Werktags und vor 9 Uhr morgens fährt er sich entspannt; die Aussichtspunkte haben dann noch freie Parkplätze.
Was ist Indian Summer?
Im engeren Sinn eine warme Schönwetterphase im Spätherbst nach dem ersten Frost; im deutschen Sprachgebrauch der Name für die Laubfärbung Neuenglands insgesamt. Die Färbung entsteht, wenn kalte Nächte den Zuckerahorn scharlachrot färben: Details oben im Abschnitt zur Botanik.
Wann ist Indian Summer in Neuengland?
Von Mitte September (Norden, Höhenlagen) bis Ende Oktober (Küste, Süden). Wer wissen will, wann der Indian Summer seinen Höhepunkt erreicht: in den klassischen Foliage-Regionen Vermonts und New Hampshires meist in der ersten Oktoberwoche.
Wo erlebt man den Indian Summer am besten?
Auf den Strecken dieser Route: die Route 100 durch Vermont, der Kancamagus Highway in New Hampshire, die Dörfer um Woodstock und Stowe. Wer nicht fahren will, nimmt Stowe als festen Standort und macht Sternfahrten.
Mit welchem Wetter muss man rechnen?
Tage um 8–18 Grad, Nächte nahe dem Gefrierpunkt, dazwischen alles; vom goldenen Nachmittag bis zur Regenfront. Zwiebel-Prinzip, Regenjacke und feste Schuhe gehören ins Gepäck.
Welche Kleidung gehört ins Gepäck?
Schichten: T-Shirt, Fleece, wind- und regenfeste Jacke, feste Schuhe, Mütze für die Morgenstunden. Für Fotografen: Handschuhe, die besten Stunden sind die kältesten.
Lohnt die Woche auch mit Kindern?
Gut sogar: kurze Fahretappen, Farmen zum Anfassen (Billings Farm, Sugarbush), die Gondel in Stowe und die Flume-Gorge-Stege sind kindertauglich. Nur die reinen Aussichtspunkt-Stopps sollte man rationieren.