Eine Küste, die nicht endet
Auf der Karte misst Maines Küste gut 350 Kilometer Luftlinie. Folgt man aber jeder Bucht, jeder Halbinsel und jedem Fjord, kommen über 5.000 Kilometer zusammen; mehr als Kalifornien. Diese Zerklüftung ist das Kapital des Staates: Hinter jeder Landzunge liegt ein Fischerhafen, ein Leuchtturm oder eine Werft, und die Route 1, die sich von Kittery bis Calais die Küste entlangarbeitet, ist eine der lohnendsten Langsamfahrstrecken der USA.
Wer nur einen Abschnitt schafft, nimmt die Midcoast zwischen Brunswick und Camden: Boothbay Harbor, Pemaquid Point mit seinem Leuchtturm auf gestreiftem Fels, Rockland mit dem Farnsworth Art Museum und schließlich Camden, wo der Mount Battie direkt hinter dem Hafen aufsteigt.
Acadia, der einzige Nationalpark Neuenglands
Auf Mount Desert Island schützt der Acadia-Nationalpark seit 1916 eine Landschaft aus rosa Granit, Fichtenwald und Atlantik. Die Park Loop Road erschließt die Höhepunkte auf 43 Kilometern, der Cadillac Mountain (466 m) ist von Oktober bis März der erste Punkt der USA, den die Morgensonne erreicht: die Sonnenaufgangs-Auffahrt braucht in der Saison eine vorab gebuchte Fahrzeug-Reservierung. Drei Tage sind das Minimum: einer für die Loop Road, einer zum Wandern (Beehive oder Jordan Pond), einer für die stillere Westseite der Insel und Bass Harbor Head Light.
Portland und die Hummerfrage
Die größte Stadt des Staates (rund 70.000 Einwohner) hat sich vom Fischereihafen zur Genussadresse entwickelt; im Old Port drängen sich Restaurants, Brauereien und Kaffeeröstereien in Backsteinlagern des 19. Jahrhunderts. Der Hummer bleibt trotzdem Volksgericht: Rund achtzig Prozent des amerikanischen Fangs kommen aus Maine, und am besten isst man ihn nicht im weißen Tischtuch-Restaurant, sondern an einer Lobster Shack am Kai: McLoons bei Rockland und Five Islands bei Georgetown sind verlässliche Namen. Eine Lobster Roll kostet je nach Fangjahr 20 bis 30 Dollar; billiger wird es nicht, das Tier darin wiegt schließlich ein halbes Pfund.
Das Landesinnere: Wald, Seen, Elche
Neunzig Prozent Maines sind bewaldet, der Spitzname Pine Tree State untertreibt eher. Um den Moosehead Lake und im Baxter State Park mit dem Mount Katahdin, dem nördlichen Endpunkt des Appalachian Trail, beginnt ein Neuengland, das mit den Postkartendörfern weiter südlich nichts mehr zu tun hat: Logging-Straßen, Elchwarnschilder, die ernst gemeint sind (die besten Sichtungschancen: Morgengrauen im Juni), und Distanzen, die man nicht unterschätzen sollte.
Eine Tagesetappe, die alles zeigt
Wer Maines Wesen an einem einzigen Tag verstehen will, fährt die Pemaquid-Schleife: morgens ab Damariscotta (Austern-Hauptstadt des Staates, die Banks liegen direkt im Fluss), hinaus auf die Halbinsel zum Leuchtturm auf den Gneis-Bändern, mittags eine Lobster Roll in New Harbor, nachmittags über die Back Roads nach Round Pond und zurück. Keine sechzig Kilometer, und doch stecken darin alle Zutaten: Arbeitshäfen statt Kulisse, Wald bis ans Wasser, und das Licht, das Maler seit dem 19. Jahrhundert an diese Küste zieht: die Wyeth-Dynastie hat gleich nebenan in Cushing gearbeitet, das Farnsworth Museum in Rockland hängt voll davon.
Dasselbe Prinzip gilt überall im Staat: Die Route 1 ist nur das Rückgrat. Die eigentlichen Funde liegen fünf bis fünfzehn Kilometer abseits, am Ende der Halbinsel-Straßen, wo die Reisebusse nicht wenden können. Wer pro Tag zwei solcher Abstecher einplant statt fünf Städtchen, fährt das bessere Maine.
Praktisch
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Beste Reisezeit | Juni – Oktober; Laubfärbung im Norden ab Ende September |
| Anreise | über Boston (Küste: 1,5 h bis Kittery) oder Portland Jetport |
| Zeitbedarf | 4 – 7 Tage für Küste + Acadia |
| Typisch essen | Lobster Roll, Clam Chowder, Wild-Blaubeer-Pie |
Zwei Praxis-Hinweise, die in keiner Broschüre stehen: Die Mückenzeit („black fly season“) macht das Landesinnere von Mitte Mai bis Mitte Juni zäh; die Küste bleibt davon weitgehend verschont. Und wer Acadia im Oktober will, reserviert die Sonnenaufgangs-Auffahrt auf den Cadillac Mountain, sobald das Fenster öffnet; die Plätze sind binnen Minuten vergriffen.
Ein letzter Kalender-Hinweis: Maines Sommer ist kurz und kostbar: Mitte Juni bis Ende August, dann kippen die Abende schon herbstlich. Die Nebensaison-Monate Mai und September sind der Geheimtipp für Acadia: offene Betriebe, halbe Preise, leere Trails.
Häufige Fragen zu Maine
Wie viel Zeit braucht man für Maine?
Vier Tage für Küste plus Acadia im Schnelldurchlauf, sieben für ein entspanntes Tempo mit Halbinsel-Umwegen. Weniger als drei Tage lohnen den langen Anfahrtsweg kaum.
Wann ist die beste Reisezeit für Maine?
Juni bis Oktober. Der Hochsommer für Häfen und Bootstouren, Ende September bis Mitte Oktober für die Laubfärbung, dann färbt sich Acadia zuletzt.
Wo isst man die beste Lobster Roll?
An den Shacks am Wasser, nicht in den Restaurants der Innenstädte: McLoons bei Rockland, Five Islands in Georgetown, Red’s Eats in Wiscasset: mit der dazugehörigen Schlange.
Kann man in Maine Elche sehen?
Ja, am ehesten im Landesinneren um Moosehead Lake und Rangeley, im Morgengrauen von Mai bis Juli. An der Touristenküste sind Sichtungen die Ausnahme.
Reicht Portland als Basis?
Für die Südküste ja: Old Port, Leuchttürme, Tagesausflüge bis Boothbay. Für Acadia nicht: dafür sind es drei Stunden einfache Fahrt; besser in Bar Harbor übernachten.
Maine ist die längste Einzeletappe der Küstenroute, und der Bundesstaat, bei dem am häufigsten der Satz fällt, man hätte mehr Zeit einplanen sollen. Die Nachbarstaaten im Überblick: die sechs Neuengland-Staaten.