Hölzerne Zeitzeugen

Neuenglands romantische überdachte Brücken

Über zweihundert der hölzernen Tunnel überspannen noch die Flüsse Neuenglands — gebaut, als Straßen noch Kutschen trugen, und heute die meistfotografierten Bauwerke der Region.

Überdachte Holzbrücke im herbstlichen Neuengland
Covered Bridge im Oktober: Dach und Fachwerk schützen die Fahrbahn

Der Einstieg gehört der Frage, die jeder stellt (warum das Dach?), dann folgen die fünf sehenswertesten Exemplare, ein Blick ins Tragwerk für Neugierige und die Routen-Logik, denn Brücken sammelt man am besten als Kette, nicht als Einzelziele.

Warum die Brücken ein Dach tragen

Die Antwort ist unromantisch praktisch: Das Dach schützt nicht die Passanten, sondern das Tragwerk. Eine ungeschützte Holzkonstruktion hielt dem Wetter Neuenglands zehn, fünfzehn Jahre stand; überdacht hält sie ein Jahrhundert und mehr. Gebaut wurde vorwiegend zwischen 1820 und 1880, mit Fachwerk-Patenten wie dem Town-Lattice-Gitter, das ein Zimmermann ohne Ingenieurstudium errichten konnte. Dass die dunklen Tunnel nebenbei als „kissing bridges“ in die Folklore eingingen, war Beifang.

Die Reihenfolge unten ist zugleich eine Rangfolge der Anfahrtswürdigkeit, von der Brücke, für die man einen Umweg plant, bis zu den beiden, die ohnehin am Weg liegen.

Wo die schönsten stehen

Cornish-Windsor Bridge (NH/VT)

Mit 137 Metern die längste zweispännige Holzbrücke der USA, 1866 über den Connecticut River gebaut: sie verbindet zwei Bundesstaaten und trägt bis heute Autoverkehr. Das Hinweisschild „Walk your horses or pay two dollars fine“ hängt noch.

Die Cornish-Windsor überquert man am besten zweimal; einmal fahrend fürs Erlebnis, einmal zu Fuß vom Parkplatz am Vermonter Ufer für Fotos und den Blick ins Tragwerk.

Die drei Brücken von Woodstock (VT)

Middle Bridge mitten im Ort, Taftsville in Rot mit Wasserfall, Lincoln Bridge flussaufwärts, nirgendwo sammelt man drei so verschiedene Exemplare auf so wenigen Kilometern. Deshalb ist Woodstock auch Basisort der Herbstroute.

West Arlington Bridge (VT)

Die rote Brücke von 1852 führt zu dem Haus, in dem Norman Rockwell in den 1940ern lebte und seine Nachbarn zu Modellen machte: das komplette Amerika-Idyll in einem einzigen Blickwinkel.

Albany Covered Bridge (NH)

Der leichteste Abstecher: direkt am Kancamagus Highway, mit Bachlauf und Herbstwald-Kulisse. Entsprechend gut besucht; früh morgens gehört sie einem allein.

Flume Bridge und Sentinel Pine (NH)

Im Franconia Notch State Park überspannt die Sentinel Pine Bridge als Fußgängersteg eine Klamm, gebaut 1939 aus einer einzigen umgestürzten Riesenkiefer.

Wer tiefer einsteigen will: Beide Bundesstaaten pflegen offizielle Verzeichnisse mit Standort, Baujahr und Tragwerk jeder Brücke, und die jährlichen „Covered Bridge Festivals“ (etwa in Swanzey (NH) mit gleich fünf Brücken im Gemeindegebiet) verbinden die Bauwerke mit genau der Dorf-Amerika-Kulisse, für die man sie besucht.

Wer nur eine einzige Brücke schafft, nimmt die Albany Bridge am Kancamagus: null Umweg, echter Bach, und morgens das beste Licht der ganzen Liste.

Häufige Fragen zu den überdachten Brücken

Darf man durch die Brücken fahren?

Durch die meisten ja: sie sind reguläre Straßenbrücken mit Höhen- und Gewichtslimit. Anhalten IN der Brücke ist tabu; geparkt wird an den Zufahrten.

Wann sind die Brücken am fotogensten?

Im Oktoberlaub und nach Neuschnee. Tageszeitlich früh morgens; die beliebten Exemplare wie die Albany Bridge haben ab Vormittag Publikum.

Wie viele Brücken stehen noch?

Über hundert allein in Vermont, gut fünfzig in New Hampshire, zusammen die höchste Dichte der USA. Im 19. Jahrhundert waren es landesweit über 10.000.

Warum sind so viele rot?

Rote Eisenoxid-Farbe war die billigste wetterfeste Farbe des 19. Jahrhunderts: dieselbe Logik wie bei den roten Scheunen. Weiße und naturbelassene Brücken gab es genauso.

Vorab zur Orientierung: Die fünf Empfehlungen oben decken bewusst beide Bauformen und beide Bundesstaaten ab; wer sie alle abfährt, hat die Bandbreite gesehen, von der Rekordspannweite bis zum Fußgängersteg aus einem einzigen Baum.

Ein Blick ins Tragwerk: was man im Tunnel sieht

Der Reiz der Brücken erschließt sich erst richtig, wenn man im Innern kurz nach oben schaut. Das Town-Gitter (patentiert 1820 vom Architekten Ithiel Town) besteht aus überkreuzten Planken, die nur verdübelt sind: eine Konstruktion, die jede Dorfsäge liefern konnte und die sich wie ein hölzernes Spinnennetz über den Fluss spannt. Die Alternative, der Burr-Bogen (1804), kombiniert Fachwerk mit einem durchlaufenden Bogen und trägt die schwereren Brücken wie Cornish-Windsor. Wer einmal beide gesehen hat, erkennt sie im Vorbeigehen, und versteht, warum Ingenieursstudenten bis heute zu diesen Bauwerken pilgern.

Die Wartung ist übrigens der Grund für die strengen Gewichtslimits an den Zufahrten: Ein moderner SUV ist kein Problem, der Lieferlaster dahinter schon. Die Schilder ernst zu nehmen gehört zum Besuch; mehrere Brücken sind in den letzten Jahrzehnten genau daran zerbrochen.

Brücken in die Route einbauen

Der Bestand ist übrigens kein Museum: Die Brücken werden von den Countys unterhalten, regelmäßig restauriert und nach Bränden oder Hochwassern originalgetreu neu aufgebaut, die Taftsville Bridge etwa nach dem Hurrikan Irene 2011. Der Fehler wäre, sie zum Hauptziel zu machen: Eine überdachte Brücke ist ein Fünf-Minuten-Halt, der einen Umweg von zwanzig Minuten trägt, selten mehr. Als Kette entlang einer Strecke (Woodstock, dann Taftsville, dann über den Kancamagus zur Albany Bridge) werden sie dagegen zum Rhythmus der Reise. Vermont führt ein offizielles Verzeichnis aller gut hundert erhaltenen Brücken des Staates; wer systematisch sammeln will, findet dort Karte und Zustand jedes Bauwerks. Für alle anderen gilt: zwei, drei gute Exemplare sagen mehr als fünfzehn abgehakte. Was sonst am Weg liegt, sammelt die Übersicht der Unternehmungen.